Es war ein warmer Abend in Athen, die Sonne war gerade hinter den Hügeln verschwunden und tauchte die Stadt in ein goldenes Licht. Sokrates und seine Frau Xanthippe saßen auf ihrem bequemen Sofa, im Haus war es still und sie erzählten sich, wie jeden Abend, Geschichten.
Heute war Xanthippe mit dem Erzählen an der Reihe …
Xanthippe seufzte und lehnte sich zurück. „Weißt du, Sokrates“, begann sie und strich sich eine lose Strähne ihres grau gewordenen Haares hinter das Ohr, „heute habe ich etwas erlebt, das mich zum Nachdenken gebracht hat. Etwas, das du vielleicht interessant findest.“
Sokrates hob eine Augenbraue, sein Blick war wie immer voller Neugier. „Ich bin ganz Ohr, meine Liebe. Erzähl mir davon.“
„Heute Morgen“, fuhr Xanthippe fort, „ging ich zum Markt, um Einkäufe zu machen. Wie immer war es laut, voll, und die Händler riefen ihre Preise. Doch heute war etwas anders. Eine junge Frau, kaum älter als unsere Lamprokles, stand am Rand des Marktes und weinte. Sie hielt ein kleines Bündel in den Armen, ihr Baby, wie ich später erfuhr. Sie sah verzweifelt aus, und die anderen Marktfrauen gingen einfach an ihr vorbei, als wäre sie unsichtbar.“
Sokrates nickte langsam. „Und was hast du getan?“
„Ich setzte mich zu ihr“, antwortete Xanthippe. „Ich fragte sie, was sie bedrückte. Sie erzählte mir, ihr Mann sei vor einem Monat gestorben, zurückgelassen habe er sie mit dem Kind und kaum genug Geld, um zu überleben. Die Menschen auf dem Markt kannten sie, aber niemand bot Hilfe an. Sie hatten Angst, sich einzumischen, oder dachten vielleicht, es sei nicht ihre Verantwortung.“
Sokrates strich sich über seinen Bart. „Und was hast du zu ihr gesagt?“
Xanthippe lächelte leicht. „Ich sagte ihr, dass sie nicht unsichtbar sei. Dass ihr Schmerz und ihre Not echt sind, auch wenn andere wegschauen. Ich gab ihr etwas Geld, nicht viel, aber genug für ein paar Tage und versprach, morgen wiederzukommen, um ihr zu helfen, Arbeit zu finden. Doch das ist nicht der Grund, warum ich dir davon erzähle.“
„Sondern?“, fragte Sokrates.
„Sondern weil ich mich fragte: Warum handeln wir so? Warum sehen wir das Leid anderer und gehen einfach weiter? Ist es Gleichgültigkeit? Oder ist es die Angst, dass wir, wenn wir uns einmischen, selbst verletzlich werden?“
Sokrates lehnte sich vor, seine Augen funkelten im Schein der Kerzen. „Ah, eine Frage, die tief in die Natur des Menschen reicht! Vielleicht, Xanthippe, ist es beides. Der Mensch fürchtet sich vor dem Leid, das er nicht verstehen kann, und so wendet er den Blick ab. Doch du, du hast nicht weggeschaut. Du hast gehandelt. Und das, meine Liebe, ist die wahre Weisheit und by the way (ja, auch Sokrates konnte bereits englisch 😉) eine grandiose Haltung und Einstellung.“
Xanthippe lachte leise. „Du nennst es Weisheit. Ich nenne es Mitmenschlichkeit. Aber sag mir, Sokrates: Wenn alle nur philosophieren und niemand handelt, was nützt dann all unser Nachdenken?“
Sokrates grinste. „Vielleicht ist das die größte Frage von allen. Die Philosophie sollte uns nicht nur zum Denken, sondern auch zum Handeln führen. Und du, Xanthippe, hast mir heute eine Lektion erteilt, die ich nicht so schnell vergessen werde.“
Er griff nach ihrer Hand. „Danke, dass du mir diese Geschichte erzählt hast. Sie erinnert mich daran, dass die größte Tugend nicht im Reden, sondern im Tun liegt.“
Sie schwiegen und das Knistern der Kerzen füllte die Stille. Draußen zwitscherten die letzten Vögel des Tages, und Athen schlief langsam ein.

P.S.: wenn Sie Lust, zeit & Muße haben mit anderen Menschen in den Austausch zu Gedanken und Ideen gehen wollen und neugierig sind, was die „Expertise“ anderer ist, oder welches Buch sie z.B. veröffentlichten oder welches Herzensthemen sie bewegen, dann, ja dann sind Sie herzlich eingeladen ins Sokrates Forum zu kommen.
Das nächste Sokrates Forum nach der Sommer-Pause startet am 28.September um 19 Uhr (im virtuellen Salon) und hier geht es zum kostenfreien Event:
SIE sind herzlich eingeladen … as always 😉
P.P.S.: Wenn Sie mehr Geschichten von Sokrates und seiner Frau Xanthippe (die übrigens in der Überlieferung ein bissl als schwieriges „Weibsstück“ galt/gilt 😉) lesen wollen … ich schreibe hier immer mal wieder über die beiden.
